Warum verliebe ich mich immer in die Falschen?
Es ist ein Muster, das viele an sich kennen: Nach der dritten Beziehung, die auf dieselbe Weise endet, stellt sich die Frage, ob das wirklich alles Zufall war. Dieselbe Art von Mensch, dieselbe Dynamik, derselbe Punkt, an dem es kippt.
Kati Körner, Heilpraktikerin und Gründerin der Bindungs-Stil-Akademie, arbeitet seit Jahren mit Menschen, die genau das erleben. Ihre Antwort auf die Frage, ob es ein Muster in der Partnerwahl gibt, fällt eindeutig aus:
„Ja, das gibt es. Und dieses Muster bestimmen wir nicht." (00:16)
Wir suchen im anderen, was wir in uns abgelehnt haben
Körners Erklärung setzt bei etwas an, das lange vor der ersten Beziehung passiert. Als Kinder haben wir zwei Grundbedürfnisse: uns mit unseren Eltern verbunden zu fühlen, und gleichzeitig wir selbst sein zu dürfen. Normalerweise passt beides zusammen. Manchmal nicht.
„Ganz oft passiert es aber, dass das Kind merkt: Bestimmte Eigenschaften, wenn ich die zeige, damit kommen die Eltern vielleicht nicht klar. Dass sie subtil oder direkt dem Kind spiegeln: Das mag ich nicht so an dir." (04:44)
Das Kind trifft dann eine Entscheidung, die keine ist. Es zeigt die Seiten, die Verbundenheit und Sicherheit versprechen, und drängt die anderen zurück. Nach Körners Erfahrung beginnt das früh, im ersten oder zweiten Lebensjahr, weil kleine Kinder feine Antennen für Stimmungen und Körpersprache haben (05:50). Meist ist es ein schleichender Prozess, bis man irgendwann gar nicht mehr weiß, dass diese Anteile überhaupt existieren.
Und genau hier beginnt das Muster in der Partnerwahl: Wir finden bei anderen Menschen besonders attraktiv, was wir in uns selbst unterentwickelt haben.
„Wenn wir dann einen Menschen treffen, der diese Aspekte sehr stark entwickelt hat, fühlt sich das sehr attraktiv an für uns." (02:38)
Das erklärt, warum sich oft Paare finden, die unterschiedlicher kaum sein könnten: einer braucht mehr Freiheit, der andere mehr Nähe.
Der Haken kommt später. Je näher dieser Mensch einem kommt, desto mehr meldet sich der Widerstand gegen genau die Eigenschaften, die man ursprünglich anziehend fand. Die Anziehung kippt.
„Je näher sie mir kommen, desto mehr wird in mir auch wieder ein Widerstand entstehen, und dadurch kippt die Beziehung dann ganz oft." (02:44)
Die drei unsicheren Bindungsstile:
Körner nutzt die Bindungsstile als Erklärhilfe, nicht als Schublade. Drei unsichere Varianten beschreibt sie im Gespräch:
Der ängstlich überinvolvierte Typ. Dieses Kind hat verinnerlicht: Ich muss mich anpassen, ich muss dem gerecht werden, was meine Umgebung erwartet. Oft gab es Bindungsabbrüche, einen Krankenhausaufenthalt, eine plötzliche Trennung. Später deutet schon eine kleine Verhaltensänderung des Partners als Gefahr. Die Verlustangst zeigt sich dann in Verhalten, das den Partner einengt (10:32).
Der abweisend vermeidende Typ. Dieses Kind hat früh gelernt, dass für seine Gefühle kein Raum ist.
„Ich ziehe mich zurück, ich baue mir meine eigene Welt, in der ich meinen Träumen und meinen Fantasien nachgehe, und schotte mich ab. Ich komme alleine klar." (12:22)
Der ängstlich vermeidende Typ. Die Ambivalenz zwischen beidem. Nach Körners Beobachtung richtet dieser Stil in Beziehungen das meiste Chaos an, hier entstehen die On-off-Beziehungen mit ständigen Abbrüchen und Versöhnungen (13:15).
Treffen die ersten beiden aufeinander, entsteht eine Dynamik, die sich selbst verstärkt: Die Verlustangst des einen und die Angst des anderen, seine Individualität zu verlieren, triggern sich gegenseitig immer weiter hoch (12:52).
Warum man nicht gehen kann, obwohl man es besser weiß
Der vielleicht wichtigste Teil des Gesprächs erklärt, warum Einsicht allein nichts ändert. In diesen Beziehungen bestimmt meist ein Partner über Nähe und Distanz, und der andere bekommt nur so viel, wie ihn gerade noch hält.
Körner nennt den Mechanismus beim Namen: intermittierende Verstärkung. Es ist dieselbe Systematik, die hinter der Spielsucht steckt.
„Wenn du dich an den Spielautomaten setzt: Du weißt nie genau, bekommst du was oder bekommst du nicht, du weißt nicht, in welchen Abständen. Und das erzeugt ein ganz starkes Suchtverhalten. Und genau das passiert in diesen Beziehungen dann auch." (15:16)
Wie sich das anfühlt, beschreibt sie mit den Worten ihrer Klienten:
„Ich weiß, dieser Partner tut mir überhaupt nicht gut, ich bin am Ende, ich merke, dass ich körperlich abbaue, dass ich nicht mehr schlafen kann (…) aber ich kann ihn nicht loslassen." (15:39)
Daraus entsteht, was im Netz als Trauma Bonding kursiert. Körner beschreibt es als mehr als emotionale Abhängigkeit: Der Partner, der verletzt, ist zugleich der einzige, der den Schmerz wieder nehmen kann (40:01). Sie spricht dabei auch aus eigener Erfahrung, eine Beziehung vor rund zehn Jahren habe sie in genau diese Abhängigkeit geführt (40:18).
Für Angehörige ist daraus ein praktischer Schluss zu ziehen. Der gut gemeinte Hinweis hilft nicht:
„Das hilft natürlich dann nicht zu sagen: Ja Mensch, du siehst doch, dass das nicht gut ist." (16:03)
Love Bombing ist nicht automatisch Narzissmus
Ein zweiter Begriff, der online meist eindeutig besetzt ist. Körner widerspricht der verbreiteten Gleichsetzung: Love Bombing entstehe auch dann, wenn unsichere Bindungsmuster stark ausgeprägt sind, bei ängstlichen wie bei vermeidenden Typen (41:02). Am Anfang wird idealisiert, Wünsche und Sehnsüchte werden auf den anderen projiziert, und der fühlt sich vielleicht zum ersten Mal wirklich gesehen.
„Das ist etwas, was sehr stark bindet, was aber nicht haltbar ist." (42:03)
Haltbar ist es deshalb nicht, weil die Idealisierung an der Realität zerbricht, sobald man den Menschen in mehr Situationen kennenlernt.
Im Job souverän, in der Beziehung nicht
Eine Beobachtung aus Körners Praxis, die viele irritiert: Dieselbe Person kann beruflich Konflikte sauber lösen und ruhig bleiben, und privat trotzdem scheitern.
„Nur durch Menschen, die uns sehr nahe stehen, die eine große Bedeutung für uns haben, werden diese alten Mechanismen wieder getriggert." (20:49)
Die Diskrepanz ist also kein Widerspruch, sondern folgerichtig.
Was sich verändern lässt -
Körners Antwort darauf, wo man ansetzt, ist unbequem und entlastend zugleich. Unbequem, weil sie nicht beim Partner ansetzt:
„Wenn ich das mit in eine Beziehung nehme und ich fühle mich in mir selber unsicher, dann wird sich das immer spiegeln in der Beziehung. Ein anderer Mensch kann das nicht wegmachen, das geht nicht." (50:26)
Entlastend, weil es einen Weg gibt. Drei Schritte beschreibt sie im Gespräch:
- Nach innen hören: Lernen, die eigene innere Welt neugierig und urteilsfrei zu betrachten. Erst einmal allein, für sich (1:07:01).
- Sich auch in Gegenwart anderer noch spüren: Der Fokus liegt sonst komplett im Außen. Die Hälfte der Aufmerksamkeit nach innen zu holen, wenn man mit einem wichtigen Menschen zusammen ist, ist der nächste Schritt (1:07:04).
- Grenzen artikulieren und halten. Auch dann, wenn das Gegenüber sie nicht gut findet (1:07:42).
Den Fokus nach innen beschreibt sie als Muskel, der bei den meisten unterentwickelt ist und sich trainieren lässt (1:12:04).
Für Konflikte im Alltag nennt sie etwas sehr Konkretes: Wenn ein starkes Gefühl hochkommt, zunächst nichts sagen und nichts tun, sondern dem Partner signalisieren, dass gerade etwas Heftiges passiert und man Raum braucht, um später darauf zurückzukommen (33:02). Wenn Paare das wirklich tun, stellt sich oft heraus, dass beide dasselbe Bedürfnis hatten: sich nicht gesehen zu fühlen (34:38).
Beide haben einen Anteil
Zum Schluss ein Punkt, bei dem Körner der verbreiteten Erzählung in den sozialen Medien ausdrücklich widerspricht. Dort gilt oft: Der Vermeidende ist der Kalte, die Ängstliche leidet. Ihre Praxiserfahrung sieht anders aus. Vermeidende Männer, die zu ihr kommen, seien oft hochsensibel und neigten dazu, die komplette Verantwortung zu übernehmen und die Partnerin in Schutz zu nehmen (1:20:52).
„Beide haben ihren Anteil an der Dynamik, die da entstanden ist." (1:23:40)
Was dann als sichere Bindung entsteht, beschreibt sie unromantisch und klar:
„Ich kann auch ohne ihn leben (…) es ist eben nicht dieses Brauchen. Aber ich entscheide mich dafür." (1:33:26)
Und ihre Quintessenz für alle, die sich in diesen Mustern wiedererkennen:
„Du bist okay mit deinen Schwächen und Stärken." (1:40:00)
Das, was man als Kind über sich geschlossen habe, sei eine Fehlinterpretation gewesen, die man damals nicht anders treffen konnte: Weil Kinder ihre Eltern idealisieren müssen, um sich sicher zu fühlen, suchen sie den Fehler bei sich (1:40:55).
Einordnung
Die Bindungstheorie geht auf den Psychiater John Bowlby zurück, die Bindungsmuster wurden von Mary Ainsworth empirisch beschrieben. Sie gehört zu den am besten belegten Konzepten der Entwicklungspsychologie. Die Übertragung auf Erwachsenenbeziehungen ist gut erforscht, allerdings sind Begriffe wie „Trauma Bonding" und „Love Bombing" populärpsychologisch geprägt und keine klinischen Diagnosen. Kati Körner ist Heilpraktikerin und Bindungscoach, ihre Aussagen beruhen auf ihrer Praxiserfahrung, nicht auf eigener Forschung.
Wenn du dich in einer Beziehung wiederfindest, die dir schadet: Das bundesweite Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen" ist rund um die Uhr und kostenfrei unter 116 016 erreichbar, auch anonym. Das Hilfetelefon „Gewalt an Männern" erreichst du unter 0800 1239900.
Das ganze Gespräch mit Kati Körner
Im Podcast geht es außerdem um veränderte Rollenbilder zwischen Männern und Frauen, um Schattenarbeit nach C. G. Jung und um Katis eigene Geschichte.
👉 [Warum verliebe ich mich immer in die Falschen? Bindungsstile und Trauma-Bonding | Kati Körner](https://midstofmind.de/podcast/warum-verliebe-ich-mich-immer-in-die-falschen-bindungsstile-und-trauma-bonding-or-kati-korner)
Mehr zu Katis Arbeit: [katikoerner.de](https://katikoerner.de/)
Passend dazu aus dem Podcast:
- [Die Rolle, die du als Kind gelernt hast, mit Susann Sitzler](https://midstofmind.de/podcast/wie-geschwister-unser-leben-praegen-familienrollen-persoenlichkeit-und-beziehungen-susann-sitzler)
- [Selbstwert, Selbstvorwürfe und emotionale Blockaden mit Dr. Michael Bohne](https://midstofmind.de/podcast/selbstwert-selbstvorwurfe-und-emotionale-blockaden-im-gesprach-mit-dr-michael-bohne)
- [Dein Unterbewusstsein steuert mehr als du denkst, mit Jana Wappler](https://midstofmind.de/podcast/dein-unterbewusstsein-steuert-mehr-als-du-denkst)
- [Die Beziehungskrise zwischen Männern und Frauen, mit Maximilian Pütz](https://midstofmind.de/podcast/dating-selbstvertrauen-und-soziale-faehigkeiten-die-herausforderungen-moderner-maenner-maximilian-puetz)
Häufige Fragen:
Warum verliebe ich mich immer in denselben Typ Mensch?
Nach Kati Körner finden wir bei anderen besonders attraktiv, was wir in uns selbst unterentwickelt oder verdrängt haben. Diese Anziehung läuft unbewusst ab. Problematisch wird sie, wenn mit zunehmender Nähe der Widerstand gegen genau diese Eigenschaften wächst.
Was sind die drei unsicheren Bindungsstile?
Der ängstlich überinvolvierte Stil, geprägt von Verlustangst und Anpassung. Der abweisend vermeidende Stil, geprägt von Rückzug und Selbstgenügsamkeit. Und der ängstlich vermeidende Stil, eine Ambivalenz zwischen beidem, aus der oft On-off-Beziehungen entstehen.
Warum ziehen sich ängstliche und vermeidende Partner an?
Weil beide gegensätzliche Bewältigungsstrategien für ähnliche Verletzungen entwickelt haben. In der Beziehung triggern sich die Verlustangst des einen und die Angst des anderen vor dem Verlust der Eigenständigkeit gegenseitig hoch.
Warum kann man sich aus einer schädlichen Beziehung oft nicht lösen?
Weil unregelmäßige Zuwendung dieselbe Konditionierung erzeugt wie ein Spielautomat. Diese intermittierende Verstärkung erzeugt ein starkes Suchtverhalten, das von der Einsicht, dass die Beziehung schadet, unberührt bleibt.


