Ich trau mich nicht, sie anzusprechen
Wer zu viel denkt, verpasst den Moment
Mich hat in diesem Gespräch vor allem ein Paradox beschäftigt: Ausgerechnet die Männer, die einfühlsam, reflektiert und rücksichtsvoll sind, tun sich oft am schwersten damit, eine Frau anzusprechen. Maximilian Pütz coacht seit über 20 Jahren Männer im Dating. Er hat mir erzählt, dass genau dieser Typ am häufigsten zu ihm kommt. Nicht der Aufreißer, sondern der Schüchterne, der eigentlich nur eine Partnerin finden möchte.
Seine Erklärung ist simpel, und ich habe mich darin wiedererkannt. Wer empathisch ist, denkt mit: Wie wird sie reagieren? Ist das jetzt unpassend? Was denken ihre Freundinnen? Während diese Fragen im Kopf kreisen, ist der Moment vorbei.
Das Problem ist also selten fehlendes Interesse oder fehlender Charakter. Es ist die Lücke zwischen dem, was man fühlt, und dem, was man sich zu tun traut. Ich bin überzeugt: Diese Lücke lässt sich schließen.
Soziale Sicherheit ist ein Muskel
Ein Bild aus unserem Gespräch ist mir besonders hängen geblieben: Soziales Verhalten funktioniert wie ein Muskel. Wer ihn regelmäßig benutzt, wird sicherer. Wer ihn monatelang nicht beansprucht, verliert an Kraft, egal wie geübt er einmal war.
Maximilian beschreibt das an sich selbst. Wenn er tagelang allein am Rechner arbeitet und sein Kontakt zu Fremden auf die Supermarktkasse schrumpft, zieht er sich spürbar in die eigene Gedankenwelt zurück. Nach einem Wochenende voller Begegnungen wirkt er dagegen ganz anders auf andere.
Für meine Generation ist dieser Gedanke besonders relevant. Früher musste man nach dem Weg fragen, die Pizza telefonisch bestellen, im Zug ins Gespräch kommen. Heute erledigen Apps vieles davon. Das ist praktisch, aber es nimmt uns die vielen kleinen Gelegenheiten, in denen wir den Umgang mit Fremden nebenbei geübt haben.
Was mich an dem Bild optimistisch stimmt: Ein Muskel lässt sich trainieren. Unsicherheit ist kein Charakterzug, sondern oft schlicht fehlende Übung.
Dating-Apps und das echte Leben: zwei verschiedene Welten
Dating-Apps haben das Kennenlernen bequemer gemacht, aber auch strenger. Auf einem Profil wird in Sekunden aussortiert: zu klein, falscher Beruf, Brille, zu alt. Weil die Auswahl riesig ist, greifen diese Filter gnadenlos.
Im echten Leben, sagt Maximilian, sind dieselben Menschen deutlich weniger wählerisch. Wer einem gegenübersteht, charmant ist und Interesse zeigt, wird nicht anhand einer Checkliste bewertet, sondern als Person wahrgenommen. Gerade weil kaum noch jemand im Alltag den ersten Schritt macht, wirkt es heute eher mutig als aufdringlich.
Dazu kommt ein zweiter Verzerrungseffekt, den ich selbst kenne. Mein Bruder schickt mir regelmäßig Reels, in denen irgendein Statement über Männer oder Frauen fällt und die Kommentare völlig eskalieren. Die Algorithmen belohnen solche Zuspitzungen. So entsteht der Eindruck, „die Frauen“ oder „die Männer“ seien so, wie es die lautesten Videos behaupten. Maximilians Erfahrung aus zwei Jahrzehnten Workshops auf der Straße ist eine andere: Die meisten Menschen sind freundlicher und normaler, als der Feed vermuten lässt.
Ich finde diesen Gegeneinander-Modus schade. Wenn ein Geschlecht verliert, verlieren beide.
Warum ein Nein selten so schlimm ist wie befürchtet
Maximilian hat mir von Elitesoldaten und CEOs erzählt, die vor Tausenden Menschen sprechen, aber weiche Knie bekommen, wenn sie eine Frau ansprechen sollen. Das klingt absurd, ist aber nachvollziehbar. Man kann sich lange erzählen, wer man ist. Beim Ansprechen wird diese Geschichte in Sekunden überprüft.
In seinen Workshops bekommen die Teilnehmer mehr Absagen als Zusagen. Trotzdem kommt fast niemand frustriert zurück. Die meisten Absagen sind freundlich, oft mit einem Lächeln und einem Dank für das Kompliment. Die Horrorszenarien, die man sich im Kopf ausmalt, treten kaum ein.
Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Vor etwa zwei Jahren bin ich bewusst durch Augsburg gegangen, um genau diese Angst zu überwinden. Das erste Gespräch war unangenehm, aber nicht so, wie ich es mir ausgemalt hatte. Als ich danach weiterging, blieb vor allem ein Gedanke: Ich kann das jetzt jederzeit wieder machen.
Genau darin liegt für mich der Wert. Nicht im einzelnen Erfolg, sondern in der Erfahrung, dass die Welt nicht untergeht. Danach verliert die Angst ihren Stachel, und viele andere Herausforderungen wirken plötzlich kleiner.
Nett sein reicht nicht – angepasst sein schadet
„Nice guys finish last“ ist ein abgegriffener Satz. Ich wollte von Maximilian wissen, was er davon hält, und seine Antwort war differenzierter als erwartet. Das Problem ist nicht Freundlichkeit. Das Problem ist Anpassung: alles gut finden, was das Gegenüber sagt, jeden Wunsch vorwegnehmen, nie widersprechen. Das wirkt nicht liebenswert, sondern austauschbar.
Sein Gegenentwurf heißt Authentizität, und er definiert sie so: kompromisslos zu zeigen, wer man ist und was in einem vorgeht. Dazu gehört, auch mal Nein zu sagen, eine eigene Meinung zu vertreten oder einen frechen Witz zu machen. Wer das tut, wird nicht von allen gemocht. Aber er wird überhaupt wahrgenommen.
Für mich steckt darin eine wichtige Verschiebung der Perspektive. Wer eine Frau anspricht, bewirbt sich nicht um ihre Gunst. Er möchte herausfinden, ob die beiden zueinander passen. Auch er wählt aus. Diese Haltung nimmt Druck aus der Situation und macht das Gespräch ehrlicher.
Und wo zeigt sich Echtheit am deutlichsten? Laut Maximilian in Momenten, in denen Menschen etwas von sich preisgeben, das sie sonst verstecken. Hinter der sozialen Maske ist kaum jemand langweilig.
Scham, Angst und das richtige Hobby
Als ich Maximilian nach Scham gefragt habe, nannte er Scham und Angst die beiden größten Bremsen für persönliche Entwicklung. Bei echter Gefahr haben sie ihren Sinn. In sozialen Situationen – eine Frage stellen, Karaoke singen, jemanden ansprechen – stehen sie meist nur im Weg.
Ein Gedanke daraus begleitet mich seitdem: Man muss sich nicht auch noch dafür schämen, dass man sich schämt. Maximilian hielt seine eigene Angst früher für eine persönliche Schwäche. Erst später erfuhr er, dass fast alle Männer sie kennen. Allein dieses Wissen kann entlasten.
Praktisch empfiehlt er etwas, das zunächst nichts mit Dating zu tun hat: mindestens ein Hobby, das das Gegenteil des eigenen Alltags ist. Wer den ganzen Tag am Rechner sitzt, sollte abends nicht nur zocken oder programmieren, sondern tanzen, Improtheater spielen oder Musik machen. Etwas, bei dem man unter Menschen ist und sich ein wenig zeigen muss.
Ich mag an dieser Idee den doppelten Effekt. Man trainiert den sozialen Muskel nebenbei. Und man lernt Menschen kennen, ohne dass das Kennenlernen der eigentliche Zweck ist. Einer seiner Teilnehmer, ein eher introvertierter Mann, wurde nach acht Wochen von seiner Tanzlehrerin anderen Frauen als Tanzpartner vorgestellt.
Vom Warum-ich-nicht zum Was-kann-ich-tun
Die wichtigste Botschaft betrifft für mich nicht das Flirten, sondern die eigene Haltung. Maximilian erzählte, wie es für ihn eine Offenbarung war zu erfahren, dass Flirten eine Fähigkeit ist und keine angeborene Eigenschaft wie die Augenfarbe. Wer das verinnerlicht, hört auf, die Schuld bei Größe, Aussehen oder dem Dating-Markt zu suchen.
Das heißt nicht, dass diese Faktoren keine Rolle spielen. Aber sie lassen sich als Ausgangspunkt nutzen statt als Begründung, warum es nicht geht. Einem Interessenten im Rollstuhl stellte Maximilian die Frage: Was ist deine Wahl? Aufgeben oder auf anderen Feldern umso stärker werden? Ich habe für mich eine ähnliche Entscheidung getroffen: Egal welche Geschichte ich mir über mich erzähle, ich wähle eine mit gutem Ausgang.
Der Einstieg ist oft kleiner, als man denkt. Rausgehen, ein kurzes Gespräch an der Kasse, eine ehrliche Frage an den Kioskbesitzer, wie das Geschäft läuft. Und wer es ernst meint, braucht nicht Hunderte Erfolge. Wie Maximilian sagt: Man braucht ja nur eine.
Eine Perspektive, kein Rezept
Maximilian Pütz ist eine polarisierende Stimme, und das sagt er selbst. Manche seiner Thesen über Geschlechterrollen und Gesellschaft sehe ich anders, und viele von euch werden das auch tun. Mir ging es in diesem Gespräch um das, was er aus über 20 Jahren praktischer Arbeit mit Männern mitbringt: wie Unsicherheit entsteht und wie man ihr begegnet. Mein Wunsch ist, wie bei jeder Folge, dass ihr ein bisschen optimistischer rausgeht, als ihr reingekommen seid.
Das ganze Gespräch hörst du in Folge #47 von Midst of Mind auf Spotify, YouTube und Apple Podcasts.
Hier reinhören: midstofmind.de/links
Maximilians Website: casanova-coaching.de
Weiterlesen: Warum verliebe ich mich immer in die Falschen?


